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derofa Durchschnittswertung - 10/1010/10
Lieblingsserie
„Nils Holgersson“ ist eine dieser Zeichentrickserien aus den 80er und 90er Jahren – die bis heute – vielen mittlerweile groß gewordenen Kindern im Gedächtnis geblieben ist.
Nach einer Buchvorlage der schwedischen Autorin Selma Lagerlöf (1858-1940) produzierte das japanische Animationsstudio „Pierrot“ („Naruto“, „Bleach“, „Tokyo Ghoul„) seinerzeit 52 Folgen voll Fantasie, Herz, Träumerei und vor allem unaufgeregter Lebensweisheit.
Warum „Nils Holgersson“ etwa 45 Jahre später (!) immer noch faszinierend einnehmend ist und zum Allerbesten im Genre zählt, verraten wir in unserer Kritik.
Originaltitel: Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen (DE) | Nirusu no fushigi na tabi (Transkription) (JPN)
Produktionsland: Japan, Österreich[1]
Produktionsfirma: Apollo Film, Gakken | Studio Pierrot
Showrunner: Hisayuki Toriumi
Regie: Hisayuki Toriumi, Mamoru Oshii
Drehbuch: Shigemitsu Taguchi
Buchvorlage: Selma Lagerlöf
Produktion: Yutaka Fujioka (TMS Entertainment), Hiroshi Kaneko (TV Asahi)
Musik: Karel Svoboda
Episodenanzahl: 52
Länge: ca. 25 Minuten je Episode[2]
Altersfreigabe: FSK 0[3]
Veröffentlichung: 29. August 1981 (DE Erstausstrahlung), Juni 2003 bis April 2004 (DVD in DE)
Ähnliche Titel: Heidi (1974), Die Biene Maja (1975-1980), Pinocchio (1976-1977), Alice im Wunderland (1983-1984), Robin Hood (1990-1992)
Wertung: 
Autor: Jannik
Verfasst am: 15.01.2022
Lesezeit: ca. 5 Minuten (Direkt zum Fazit)
Musik zum Lesen:

Einer dieser Tage – ganz anders
Es war einer dieser Tage, an denen ich mal wieder Lust auf klassische Zeichentrickkunst hatte, um in Erinnerungen zu schwelgen. Meist endet dieses Vorhaben bereits nach wenigen Episoden. Zeichentrickserien aus der eigenen Kindheit sind zum einen – natürlich nostalgisch verklärt – und erfüllen so meist nicht mehr die zu hoch gesteckten Erwartungen des mittlerweile erwachsenen Ichs. Zum anderen verleiten sie mit ihrer oft stresslösenden Aura ungemein zum Einschlafen ein.
Mit „Nils Holgersson“ sollte jedoch alles ganz anders kommen. Doch wovon handelt die Serie vom japanischen Animationsstudio „Pierrot“ überhaupt?

Skulptur von Nils Holgersson in Karlskrona, Blekinge, Schweden
Handlung – Eine bescheidene Bauernfamilie
Der kleine Junge Nils Holgersson lebt mit seiner Familie auf einem Bauernhof im südlichen Västra Vemmenhög in Schweden.
Seine Eltern haben nicht viel und sind bescheidene Bauern. Doch Nils ist alles andere als demütig. Stattdessen quält er für sein Leben gern die Tiere des Hofes und macht sich auf unsägliche Weise über die bemitleidenswerten Geschöpfe lustig.
Auch seine Eltern wissen weder ein noch aus. Nils ist faul, unzuverlässig und bereitet ihnen viele Sorgen. Doch eines Tages gerät Nils an ein Opfer, welches sich zur Wehr zu setzen weiß und durch sein Handeln alles verändern wird.

Schwedische Buchvorlage
„Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ (oder kurz „Nils Holgersson“) entstand im Jahre 1980 in einer Koproduktion zwischen den japanischen Studios „Pierrot“ sowie „Gakken“ und dem österreichischen „Apollo Film“.[1]
Die Geschichte basiert auf einer ursprünglich 1906 erschienenen Buchvorlage der schwedischen Autorin Selma Lagerlöf.[2] Lagerlöfs Werke zählen zur Weltliteratur.[3] Im Jahre 1909 erhielt sie als erste Frau und erste Schwedin den Nobelpreis für Literatur.[4]
„Nils Holgersson“ war das erste Werk des Animationsstudios, auf das zahlreiche erfolgreiche und heute bekannte Werke wie „Kickers“, „Great Teacher Onizuka“, „Naruto“, „Bleach“ und „Tokyo Ghoul“ folgen sollten.[5]
Den Regieposten hatte Hisayuki Toriumi inne sowie für einige Episoden „Ghost in the Shell“-Regisseur Mamoru Oshii.[6]
Die deutsche Stimme für die Hauptrolle des Nils stammte von Phillip Brammer. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Brammer etwa 11 Jahre alt. Brammer lieh u. a. Zorro aus „One Piece“ bis zu seinem tragischen Unfall-Tod im Jahr 2014 seine Stimme.

Selma Lagerlöfs schwedische Buchvorlage erschien erstmals 1906-1907 und wird aktuell im Auktionshaus „Sotheby’s“ für 10.000 US-Dollar verkauft.[7]
Vernunft ist eine Tugend
Nils wird zu Beginn der Serie als Antagonist präsentiert und wird dem Zuschauer sehr schnell unsympathisch. Er ist nicht nur unreif, faul und ein Quatschkopf, sondern quält obendrein mit erschreckend saddistischer Ausprägung und unnötigerweise aus purer Langeweile wehrlose Tiere.
Als er nach einer körperlichen Veränderung mehr zufällig auf der Flucht vor eben diesen gepiesackten Tieren auf dem Rücken von Haus-Gänserich Martin in die Lüfte emporsteigt, beginnt auch ein Reifeprozess für Nils. Es ist ein Prozess der über die gesamte Laufzeit des Anime stattfindet, da Nils an jeder Erfahrung wächst. Was wird ihn auf seiner ungewöhnlichen Reise erwarten?

Ein zentrales Element der Serie ist eben diese Veränderung und das Erwachsenwerden von Nils. Er ist plötzlich verwundbar. Der kleine Junge muss sich in seiner neuen Rolle zurechtfinden, steht nicht mehr über allem und muss lernen, dass auch die Sorgen, Belange und Interessen seiner neuen Begleiter – der Gänseschar – eine große Rolle in seinem neuen Leben spielen.
Am Ende von „Nils Holgersson“ mündet dieses Motiv des Lernens und Erwachsenwerdens durch lebhafte Erfahrungen in eine beinahe völlig neue Persönlichkeit des kleinen Jungen und er wird mehr und mehr zum Sympathieträger. Doch diese Veränderung tritt nicht von jetzt auf gleich ein sondern ist ein Prozess über die gesamte Laufzeit von 52 Episoden.

Der Traum vom Fliegen
Nicht nur was die Moral und Ethik sowie Charakterzeichnung von Nils und dessen Begleitern angeht sondern auch was die Optik, Animationstechnik und jede einzelne Geschichte angeht, zählt „Nils Holgersson“ zum Besten, was das Genre über Jahrzehnte hervorbrachte.
Die originale Buchvorlage war um das Jahr 1900 als Lesebuch für die Schule konzipiert worden. Es war der „Band über Land und Leute Schwedens“ wie es in der deutschsprachigen Wikipedia heißt.[8]
Schweden aus der Vogelperspektive zu schildern, sei die grundlegende Idee für den Roman gewesen. Und das spiegelt sich auch deutlich in Studio Pierrots Umsetzung wider.
Die traumhaften und malerischen Landschaften Schwedens und Umgebung werden ausgiebig dargestellt. Oft macht die Serie dabei den Eindruck, als läge dieser fiktiven Welt ein eigenes Ökosystem zugrunde. Die Tiere koexistieren und leben voneinander, aber auch miteinander. Sie sprechen und haben ihre eigenen Vereinigungen gegründet. Es ist eine Art eigene Gesellschaft der Tiere – überall auf der Welt verteilt. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch die überaus passende Musik des tscheschischen Komponisten Karel Svoboda.
„Nils Holgersson“ wird so zu einer Art Roadtrip, bei dem das eigentliche Ziel zwar das finnische Lappland ist, aber der Weg oft viel mehr das Ziel.

Kinderserie für Erwachsene
Stumpf, seicht, flach. Der Begriff der Kinderserie ist doch eher negativ konnotiert. Sie werden unterschätzt. Denn wer Nils Holgersson als simple Kinderserie abstraft, tut dem außergewöhnlichen Werk der Japaner von Studio Pierrot enorm unrecht damit.
Zugegeben: „Nils Holgersson“ ist eine Serie, deren Zielgruppe aus demografischer Perspektive Kinder sind. Doch insbesondere Anime ist ein Genre, welches sich oft dadurch auszeichnet, genau diese Altersgrenzen zu durchbrechen und zu verwischen. Und das – wie Nils Holgersson eindrucksvoll zeigt – bereits schon früher und nicht erst seit heute. Man könnte also fast sagen, nach einer gewissen Eingewöhnungszeit ist „Nils Holgersson“ mehr typisches Anime-Gefühl als Kinderserie.
Ein Grund dafür ist, dass „Nils Holgersson“ für eine Kinderserie oft deutlich forscher kommuniziert, als es heutige weichgespülte Standards zulassen würden. Es wird etwa offen über den Tod und das Sterben gesprochen. Des Weiteren sind die zugrundeliegenden Themen gesellschaftlich relevante und existenzielle wie etwa Umweltschutz, Respekt gegenüber der Natur oder die Ab- und Ausgrenzung von Unbekanntem. Themen die neben klassischen lehrreichen Inhalten für Kinder wie Familienbande, Freundschaft, Treue oder Zusammenhalt ebenso deutlich im Fokus stehen.

Fazit – Ebenso zeitloser wie wehmütiger wie lehrreicher Rückblick
Als wir mit Nils auf Gänserich Martins Rücken in die Welt von „Nils Holgersson“ starteten, erwarteten wir eine weitere Serie aus Kindertagen, die wir bereits nach kurzer Zeit wegen mangelnder emotionaler Herausforderung abbrechen würden.
Stattdessen folgten wir diesmal vollständig über 52 Episoden, auf einer Art Roadtrip, dem kleinen Nils auf seiner Reise um sich selbst zu finden – und waren hellauf begeistert sowie beeindruckt.
Die Geschichte als Fundament von Selma Lagerlöf als zugleich lehrreiche und kindgerechte Erzählung wie auch die überragenden Interpretation und Umsetzung von Studio Pierrot lassen keinen Zweifel zu: „Nils Holgersson“ gehört zum Besten im Genre und sollte in jedem gut sortierten DVD-Regal seinen nostalgischen Platz erhalten.
Der Anime wirkt geerdet und man spürt, dass er aus einer anderen Zeit stammt. Eine Zeit in der nicht alles, aber vielleicht vieles besser war. Eine Zeit, die einen anderen Geist beherbergte.

„Nils Holgersson“ hat uns durch den Aufbau seiner Fantasiewelt die traurige Erkenntnis gebracht, dass die Realität anders aussieht, als freilebend auf Gans Martin durch die Lüfte zu fliegen. Das Finale ist unglaublich berührend – Nils fällt in ein tiefes Loch, weil er gezwungen wird eine Entscheidung zu treffen, die nicht zu treffen ist.
Mit dem finalen Wegfall …
… erlischt auch die bunte, leichtfüßige Fantasie und weicht der grauen, kühlen Logik der erwachsenen menschlichen Welt. Die Kindheit zieht nicht nur an Nils – sondern letztendlich auch an unserem eigenen inneren Auge vorbei.
„Nils Holgersson“ ist zwar ein Anime der demografisch für Kinder konzipiert wurde, der bei den zugrunde liegenden tiefgreifenden gesellschaftlich relevanten Themen jedoch Erwachsener nicht sein könnte. Ein nostalgischer Anime der es in der richtigen Stimmung sogar vermag die eine oder andere Träne kullern zu lassen. Und damit auch 40 Jahre später noch lehrreich und emotional aufrüttelnd – vor allem für Großgewordene ist!

Intro
Das offizielle deutsche Intro zu „Nils Holgersson“
